Deutsch-polnisch-ukrainische Jugendbegegnung

<p style=“text-align: justify;”>In wel­cher Spra­che wer­den wir uns ver­stän­di­gen? Wer­den die ukrai­ni­schen Jugend­li­chen denn an der Begeg­nung teil­neh­men kön­nen? Wird es sie belas­ten, wenn sie wis­sen, dass sie in die­ser für die Ukrai­ne so schwie­ri­gen Zeit ihre Fami­li­en zurück­las­sen? Wer­den die pol­ni­schen Jugend­li­chen an das Leid den­ken, das Deut­sche Polen wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges zuge­fügt haben, wenn wir uns begegnen?

Die­se und ähn­li­che Fra­gen beschäf­tig­ten die 13 Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Klas­se 10a, die sich ent­schlos­sen hat­ten, an der deutsch-pol­nisch-ukrai­ni­schen Schü­ler­be­geg­nung im pol­ni­schen Krzy­zo­wa (frü­her Krei­sau) teilzunehmen.

Doch ange­sichts der Rei­se­vor­be­rei­tung, bei der sich die Schü­ler nicht nur mit his­to­ri­schen Fra­gen beschäf­tig­ten, son­dern auch einen Kurz­film über ihre Schu­le, ihren Wohn­ort und ihre Hob­bys dreh­ten, rela­ti­vier­ten sich die­se Beden­ken schnell. „War­um soll­ten Jugend­li­che in der Ukrai­ne und in Polen so anders sein als wir?“

Krei­sau — das hieß für die pol­ni­schen Schü­ler ein Weg von andert­halb Stun­den, für unse­re Grup­pe aus Deutsch­land eine Fahrt von 12 Stun­den, für die Ukrai­ner aber eine anstren­gen­de Rei­se, die zwei Tage dau­er­te. War­um aus­ge­rech­net Krei­sau? Vor 75 Jah­ren war Krei­sau ein Ort des deut­schen Wider­stands  gegen das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Regime. Vor 25 Jah­ren begann in Krei­sau der Pro­zess der deutsch-pol­ni­schen Ver­söh­nung. Heu­te ist Krei­sau eine Begeg­nungs­stät­te, die den Pro­zess der län­der­über­grei­fen­den Annä­he­rung, des Ver­ständ­nis­ses und der gegen­sei­ti­gen Ach­tung leben­dig wer­den lässt.

Die her­vor­ra­gend reno­vier­ten alten Guts­ge­bäu­de bie­ten Platz für unter­schied­li­che Begeg­nun­gen und Pro­jek­te. Die ehe­ma­li­gen Kuh- und Pfer­de­stäl­le die­nen als Schlaf- und Ess­räu­me, die Scheu­nen sind zu Semi­nar­räu­men und einer Sport­hal­le umge­baut und das soge­nann­te Schloss, ehe­ma­li­ger Wohn­raum der Fami­lie Molt­ke, bie­tet wei­te­re freund­li­che Semi­nar­räu­me.  In der Nähe des pol­ni­schen Dor­fes liegt, ver­steckt im Wald, ein deut­scher Fried­hof: Schnee­glöck­chen und Win­ter­lin­ge blü­hen auf den halb ver­fal­le­nen Grä­bern, nur mit Mühe lässt sich so man­che Grab­in­schrift noch ent­zif­fern. Die Ver­stor­be­nen wohn­ten einst in den Häu­sern des Dor­fes. Sie star­ben vor der Ver­trei­bung. Heu­te woh­nen in ihren Häu­sern Polen, die ihrer­seits aus ihren Dör­fern weit im Osten ver­trie­ben wur­den. Geschich­te begeg­net dem Besu­cher in Krei­sau auf Schritt und Tritt.

Und wie gestal­te­te sich unser Pro­gramm? Emp­fan­gen wur­de die Grup­pe von Anna Rzym, einer jun­gen Polin, die uns freund­lich, kom­pe­tent und enga­giert durch die Woche beglei­te­te. So beginnt der ers­te Abend mit Ken­nen­lern­spie­len. Noch sind die pol­ni­schen, mehr noch die ukrai­ni­schen Namen ver­wir­rend. Noch fragt sich manch einer, war­um zwei Schü­ler auf der ande­ren Sei­te des Krei­ses mit­ein­an­der lachen. Machen sie sich lus­tig? Stimmt etwas nicht? Das ist die ers­te Erfah­rung: Nicht-Ver­ste­hen führt zu Miss­trau­en. Mit­ein­an­der Auf­ga­ben lösen, Sport trei­ben oder die Umge­bung erkun­den hin­ge­gen ver­bin­det. Und ganz selbst­ver­ständ­lich wird schon am zwei­ten Tag nur eng­lisch gespro­chen, wenn die Schü­ler in gemisch­ten Grup­pen bei­ein­an­der ste­hen oder arbeiten.

Am zwei­ten Tag bil­det sich auch ein drei­spra­chi­ges Jour­na­lis­ten­team, das der Grup­pe jeden Mor­gen einen Bericht über den ver­gan­ge­nen Tag vor­leg­te. Aus den gesam­mel­ten Berich­ten sei hier zitiert:

Wir haben lan­ge auf das Tref­fen gewar­tet. Als wir hier anka­men, waren wir beein­druckt von der Aus­sicht, der Natur und der Viel­zahl der Spra­chen und Nationalitäten.

Am ers­ten Abend waren wir sehr müde, aber trotz­dem froh, die ande­ren zu tref­fen. Wäh­rend des ers­ten Tref­fens haben wir ver­sucht, uns bes­ser ken­nen­zu­ler­nen und eini­ge Gemein­sam­kei­ten zu fin­den. Jetzt wis­sen wir, dass es nicht dar­auf ankommt aus wel­chem Land wir kom­men, denn wir haben viel gemein­sam, wie z.B.: Hob­bies, Musik, hairstyles , usw. Wir haben schon eini­ge neue Freun­de gefun­den. Alle Auf­ga­ben lie­ßen unse­ren Team­geist wach­sen. Wir freu­en uns sehr, hier zu sein.

Am zwei­ten Tag haben wir uns mor­gens getrof­fen. In unse­ren ers­ten Work­shop soll­ten wir uns gegen­sei­tig malen, immer wie­der den Platz wechselnd.

Dann erhiel­ten wir ein klei­nes Heft, in dem wir Infor­ma­tio­nen über die Teil­neh­mer aus Polen und der Ukrai­ne sam­meln soll­ten. Die vor­ge­ge­be­nen Fra­gen hal­fen uns, mit­ein­an­der in Kon­takt zu kommen.

Nach der Mit­tags­pau­se und unse­rem ers­ten gemein­sa­men Mit­tag­essen haben wir in einer Art Ral­lye Krei­sau erkun­digt. Das Tol­le war, dass die Fra­gen in allen drei Spra­chen for­mu­liert waren. Nach dem Abend­essen sind wir gemein­sam zum Berg­haus gelau­fen, dem zeit­wei­li­gen Wohn­haus der Fami­lie Molt­ke. Dort haben wir uns gegen­sei­tig Brie­fe vor­ge­le­sen, die sich Hel­mut James und Freya v. Molt­ke schrie­ben, als Hel­mut James v. Molt­ke bereits wegen sei­ner Betei­li­gung am Wider­stand gegen die Natio­nal­so­zia­lis­ten im Gefäng­nis saß und auf sei­ne Hin­rich­tung war­te­te. Danach haben wir über unse­re Emo­tio­nen und Gedan­ken gere­det und sind auf die Geschich­te näher eingegangen.

Am drit­te Tag haben wir mit unse­rem ‘’Dai­ly Challan­ge, ange­fan­gen, die­ser bestand dar­in, uns gegen­sei­tig deut­sche, pol­ni­sche und ukrai­ni­sche Zun­gen­bre­cher bei­zu­brin­gen. Wir haben viel gelacht. Anschlie­ßend haben wir uns in Klein­grup­pen Rede­wen­dun­gen bei­ge­bracht, die man im All­tag gebrau­chen kann.

Schließ­lich haben wir im Frei­en ein paar sehr wit­zi­ge Koope­ra­ti­ons­spie­le gespielt. Nach der Mit­tags­pau­se sind wir zu dem „his­to­ri­schen Laby­rinth“ auf dem Gelän­de gegan­gen und haben es erkun­det. Es ist eine Aus­stel­lung über die deutsch-pol­ni­sche Ver­söh­nung nach 1989. In klei­nen Grup­pen haben wir ein­zel­ne The­men ver­tieft, um sie der gesam­ten Grup­pe vorzustellen.

Abends waren wir in der Sport­hal­le, und haben den Polen und den Ukrai­nern Völ­ker­ball beigebracht.

Der vier­te Tag war sehr span­nend, denn wir fuh­ren nach Bres­lau. Als ers­tes haben wir uns das Pan­ora­ma von Racla­wi­cka ange­schaut. Jan Matei­j­ko hielt Anfang des 19. Jahr­hun­derts in die­sem berühm­ten Pan­ora­ma die 1794 zwi­schen Russ­land und Polen aus­ge­tra­ge­ne Schlacht von Racla­xi­ce fest. Anschlie­ßend sind wir durch die Stadt zur Aula der alten Uni­ver­si­tät gelau­fen. In der 1701 präch­tig aus­ge­stat­te­ten Aula wer­den noch heu­te die Stu­den­ten begrüßt. Sie erhal­ten dort Ihre Examen und ihre Aus­zeich­nun­gen. Vom Uni­ver­si­täts­turm aus hat­ten wir einen wei­ten Blick über die Stadt.

Bevor wir dann in Klein­grup­pen die Stadt allei­ne erkun­den durf­ten, galt es, in einer klei­nen Ral­lye Orte auf­zu­spü­ren und Fra­gen zu beant­wor­ten. Als wir von unse­rer Shop­ping- und Sight­see­ing­tour zurück­ka­men, waren wir alle von dem lan­gen Tag müde. Trotz­dem ging es nach dem Abend­esse zu unse­rer „Dis­co“ im Haus. Dort haben wir getanzt und Kla­vier gespielt.

Frei­tag war ein sehr guter Tag. Nach dem Früh­stück gin­gen wir ins Schloss, wo unse­re Work­shops statt­fan­den. Wir wur­den in zwei Grup­pen geteilt. Die ers­te Grup­pe ging in die Werk­statt um dort zunächst in Brie­fen unse­re Gedan­ken zu der Begeg­nung fest­zu­hal­ten. Die­se Brie­fe waren an uns selbst adres­siert. Wir lesen sie nach den Feri­en als Erin­ne­rung an die Zeit. Anschlie­ßend gestal­te­ten wir Stoff­ta­schen. Auch die­se kön­nen wir als Erin­ne­rung mit­neh­men. Die zwei­te Grup­pe blieb im Schloss. In Klein­grup­pen zeich­ne­ten wir ganz per­sön­li­che Land­kar­ten unse­rer drei Län­der. Die­se Land­kar­ten erhiel­ten Infor­ma­tio­nen über unse­re Län­der, die uns wich­tig erschei­nen. Am Ende ent­spra­chen sich zwar die Län­der­gren­zen, doch jede Grup­pe war zu ande­ren Ergeb­nis­sen gekommen. 

Es folg­te unser letz­tes Abend­essen in Krei­sau. Nach dem Essen konn­ten wir noch ein­mal die Sport­hal­le nut­zen oder aber in den Zim­mern ein letz­tes Mal bei­ein­an­der sit­zen. Am nächs­ten Mor­gen wür­den wir die Zeit noch ein­mal an uns vor­bei­zie­hen las­sen und Ania, zurück­mel­den, was uns beson­ders gut gefal­len hat. Es war eine tol­le Zeit! Wir haben eine Men­ge erfah­ren und unglaub­lich tol­le Men­schen ken­nen­ge­lernt. Es wäre schön, uns wie­der zu sehen.

Und mit wel­chen Gedan­ken ver­lie­ßen die Teil­neh­mer Polen?

In Bres­lau hät­ten sich die Schü­ler etwas mehr Frei­zeit gewünscht, ein Spie­gel für sie­ben Mäd­chen, das erfor­der­te ein wenig Abspra­che und ger­ne hät­ten die Schü­ler auch selbst Inter­ak­ti­ons­spie­le vor­ge­schla­gen. Die all­ge­mei­ne Stim­mung am Tag der Rück­fahrt aber spie­geln fol­gen­de Zitate:

In mei­nem Kof­fer neh­me ich mei­ne Freun­de mit (…). Ich habe sie sehr lieb gewon­nen und wer­de sie ver­mis­sen. Ich neh­me außer­dem neue Ein­drü­cke und Gefüh­le mit nach Hau­se und wer­de ver­su­chen, pol­nisch zu ler­nen. Aber für mich war die Zeit zu kurz. Ich wäre ger­ne län­ger geblieben.“

Für mich war die­se Woche sehr lehr­reich, lus­tig, ereig­nis­reich und neben­bei habe ich vie­le neue Freun­de gefun­den. Klar, manch­mal war es etwas schwie­rig, sich zu ver­stän­di­gen, aber mit Hän­den und Füßen ging das. Das Pro­gramm war sehr abwechs­lungs­reich und wir haben ein­an­der ken­nen­ge­lernt. Freu­en wer­de ich mich auf mei­ne Brieffreundschaft.“

I lear­ned a lot about our neigh­bours and some new wor­ds in dif­fe­rent lan­guages. It was so cool.”